Virtual Walk through "TRANSFORMER. Luciano Castelli - Selfportraits 1974"

29 Apr – 19 Jun 2021
Die Ausstellung zeigt Luciano Castellis künstlerischen Anfänge in den 70er Jahren, die den Fokus auf das Thema Gender und die Verwischung der Grenzen zwischen Frau und Mann legen. 



Die Ausstellung wird im Rahmen des Förderprogramms Neustart Kultur der Deutschen Bundesregierung gezeigt. 


Die Ausstellung präsentiert die künstlerischen Anfänge von Luciano Castelli, einem der Hauptvertreter der Berliner Neuen Wilden der 1980er Jahre. Bereits in den 70er Jahren setzte er sich mit dem auch heute noch so aktuellen Thema Gender auseinander. Der Titel bezieht sich auf eine LP von Lou Reed, der in den späten 60er Jahren als Leader der „Velvet Underground“ neben Gerry Malanga, Paul Morrisey u.a. Teil von Andy Warhols Factory war. Die Basis seines Schaffens erwuchs aus der politischen Perspektive der 68er-Generation, einer Zeit des Auf- und Umbruchs, in der die alten Trennlinien zwischen künstlerischen Genres wie auch zwischen den Geschlechtern radikal hinterfragt wurden. Bereits als 17-Jähriger experimentierte Castelli mit Materialien wie Glimmer, Pailletten und Federn und schuf daraus seine ersten Zeichnungen, Collagen, Objekte und Fotografien. In der androgynen Selbstdarstellung fand Castelli eine Möglichkeit, sich als Maler, Fotograf, Musiker und Filmemacher selbst als Kunstwerk zu verkörpern und sich in jedem Bild neu zu erfinden. Mit 21 Jahren nahm Luciano als jüngster Teilnehmer an der von Harald Szeemann kuratierten Documenta 5 in Kassel teil. Unter dem Titel «Transformer - Aspekte der Travestie» hatte Jean-Christophe Ammann, Direktor des Luzerner Kunstmuseums, neben Castelli auch andere Künstler versammelt, die mit Genderidentitäten spielten, wie etwa Urs Lüthi, Jürgen Klauke, Brian Eno, David Bowie, Katherina Sieverding, Luigi Ontani und Pierre Molinier. 

Wirkort Castellis war in dieser Zeit die alte Jugendstilvilla „Reckenbühl“ in Luzern, die er mit seinen Freunden Franz Marfurt und Ueli Vollenweider bewohnte. Die Villa wurde zu einer Art Oase, zur Geburtsstätte kreativer Verwandlungen der häufig wechselnden jungen Bewohner, die auf der Suche nach anderen, sich vom bürgerlichen Konsens abhebenden Lebensformen experimentierten und Castelli oft als Modelle dienten. Bereits seine ersten Arbeiten zeigten eine furchtlose Bereitschaft, sich schonungslos selbst preiszugeben und Freunde in seine Kunst mit einzubeziehen. Die Zeremonie des An- und Verkleidens wurde für ihn zur Erweiterung seiner Selbst. In großen Aquarellen, Gouachen und lebensgroßen Zeichnungen, den sogenannten "Glimmerbildern" von 1972, malte er sich in den verschiedensten Situationen, geschminkt und ausgestattet mit eindeutig erotischen weiblichen Accessoires, und versah viele dieser Malereien mit Glimmer und Pailletten. Daraus entstanden selbst inszenierte Performances, mit denen er sich ein fiktives Leben erschuf. In der Folge wandte er sich immer mehr der Fotografie zu, denn nur mittels der Kamera konnte er dem flüchtigen Theaterauftritt Dauer verleihen und seine Rolle objektivieren. "Der Moment, in dem die Fotos entstehen," meint er selbst," ist genauso wichtig wie das Bild. Das Bild ist die Konsequenz des Moments. Die Fotografien entstehen nicht mit Absicht, sie stehen nicht am Ausgangspunkt sondern sind eher die Folge. Ich lebe mich in eine Situation ein, die mir emotionell im Augenblick entspricht. Die Intensität, mit der ich die Situation erlebe, suche ich in Bilder zu übertragen." Diese Selbstfixierung im Bild und die daraus resultierenden Erfahrungen ziehen sich bis heute durch sein künstlerisches Werk.

 


The exhibition presents the artistic beginnings of Luciano Castelli, one of the main representatives of the Berlin Neue Wilde art movement of the 1980s. As early as the 1970s, he explored the theme of gender still so current today. The title refers to an album by Lou Reed who, as the leader of the “Velvet Underground,” was part of Andy Warhol's Factory in the late 1960s alongside Gerry Malanga, Paul Morrisey and others. The basis of his work grew out of the political perspective of the '68 movement in an era of upheaval and reorientation that radically questioned the old dividing lines between artistic genres and between the sexes. As a 17-year-old Castelli experimented with materials such as mica, sequins and feathers, using them to create his first drawings, collages, objects, and photographs. In the androgynous self-depiction he found a way to himself embody the art work as a painter, a photographer, a musician and a filmmaker, and reinvent himself with each new work. At the age of 21, Luciano was the youngest participant in Documenta 5 in Kassel, curated by Harald Szeemann. Under the title “Transformer - Aspects of Travesty,” Jean-Christophe Ammann, director of the Lucerne Art Museum, brought together Castelli and other artists who played with gender identities, such as Urs Lüthi, Jürgen Klauke, Brian Eno and David Bowie, Katherina Sieverding, Luigi Ontani, and Pierre Molinier.


The site of Castelli's experiments during this time was the old Art Nouveau villa “Reckenbühl” in Lucerne where he lived with his friends Franz Marfurt and Ueli Vollenweider. The villa became a kind of oasis, the birthplace of creative transformations brought about by the frequently changing young residents searching for forms of life alternative to the bourgeois consensus and who often served Castelli as models. His earliest works already exhibit a fearless willingness to bare himself without compromise and to also include his friends in his art. The ritual of dressing and undressing grew into an expansion of his persona. In large watercolors, gouaches and life-size drawings, the so-called "mica pictures" ("Glimmerbilder") from 1972, he painted himself in a wide variety of situations, made up and outfitted with clearly female erotic accessories, and added mica and sequins to many of these paintings. This developed into performances staged by Castelli in order to create a fictional existence. As a consequence, he increasingly relied on photography, for it was only by means of the camera that he could give permanence to his fleeting theater appearances and objectify his role. "The moment in which the photos are taken," he states, "is just as important as the picture. The picture is the consequence of the moment. The photographs are not made on purpose, they are not the starting point, but rather the outcome. I live in a situation that emotionally corresponds to me at that moment. What I try to convey in pictures is the intensity with which I experience the situation." This act of fixing himself in the image and the experiences resulting from this practice continue to shape his artistic work up to the present day.