Patricia Waller
BROKEN HEROES

20. April bis 30. Juni 2012

Die Figuren, die sich Waller für ihre neue Serie „Broken Heroes“ ausgesucht hat, sind allesamt bekannte Ikonen der Popkultur, sie entstammen Comics, Cartoons, Fernsehserien und ähnlichen Produkten unseres zeitgenössischen kollektiven Bewusstseins. Und wie so oft, sind Wallers Arbeiten beim ersten Anblick zunächst einmal belustigend und komisch, denn sie präsentiert uns diese „Helden“ in einer Art und Weise, wie wir sie noch nie gesehen haben: Ernie als versoffener Penner mit gelbem Quietschentchen, Spiderman, der sich in seinem eigenen Netz verfangen hat, und Spongebob als Selbstmordattentäter mit um den Körper geschnalltem Sprengstoff. Dieser komische Effekt wird dadurch überhöht, dass die Figuren allesamt gehäkelt sind. Aber das Lachen – und auch das ist typisch für Wallers Arbeiten – bleibt einem schnell im Halse stecken, wenn man sich die Figuren etwas näher ansieht. Der unbeholfene Spiderman mag noch tollpatschig erscheinen, aber beim Anblick einer vergewaltigten und blutenden Minnie Mouse denkt niemand mehr an Slapstick. Die Heimeligkeit der Technik täuscht nur kurz über die grundlegende Ernsthaftigkeit des Themas hinweg.

Die im Werk von Patricia Waller abgestürzten Helden sind uns ursprünglich vertraut als eindimensionale Projektionsflächen für bestimmte positive Eigenschaften. Die Möglichkeit ihres Scheiterns ist in ihnen von vorneherein gar nicht angelegt, was ihre Darstellung in dieser Serie um so überraschender oder schockierender macht. Aus unserer eigenen Lebenserfahrung sind wir alle mit dem Phänomen des Scheiterns vertraut, sei es das Scheitern eines Lebensentwurfs oder einer Beziehung, oder das alltägliche kleine Scheitern. Waller selbst sieht in den Arbeiten eine kritische Auseinandersetzung mit dem Starkult unserer Gesellschaft, wobei der Star, der Promi oder das Idol als zeitgenössischer Ersatz für den Helden dient. „Sie sind Vorbilder und Hoffnungsträger, spiegeln unsere Sehnsucht nach dem Besonderen wider. Helden tauchen nicht einfach auf, sondern werden erschaffen,“ schreibt sie. Auf der anderen Seite führt der aufgeblähte Ruhm oft zu Persönlichkeitsstörungen. „Der Zwang gut auszusehen, die Pflicht immer gut drauf zu sein und das Wissen, immer beobachtet zu werden, bringen Identitätsstörungen mit sich, vor allem wenn der Ruhm früh einsetzt, bevor sich eine klare Vorstellung von der eigenen Identität gebildet hat.“ Und je höher man steht, um so tiefer kann man stürzen. Rammt sich Hello Kitty in traditioneller Samurai-Manier deswegen den Säbel in den Bauch, weil sie ihre eigene gnadenlose Vermarktung nicht mehr ertragen kann? 

Man kann Wallers neue Serie „Broken Heroes“ aber auch als Reflexion über die Diskrepanz zwischen einer von Medien und Werbung geschaffenen Idealwelt und unserer eigenen Lebensrealität lesen. Diese Diskrepanz bewirkt eine ungesunde Wahrnehmungsverzerrung: Geschicktes Marketing erzeugt Produkte mit Kultstatus, die fast schon als Religionsersatz fungieren, zu obsessiver Besitzgier verführen und völlig unkritisch hinsichtlich ihrer eigentlichen manipulativen gesellschaftlichen Wirkung verehrt werden. Dabei verweisen Wallers Figuren gleichzeitig auch auf einen Lösungsansatz für diese Spaltung: nämlich den des Antihelden. Denn dieser ist ein Held, der auch Schwächen zeigt, und dessen Charakter infolgedessen nicht nur tiefer und vielschichtiger gezeichnet ist, sondern auch menschlicher und wirklichkeitsnaher. Ein wirklicher Held ist nämlich nicht der, der niemals scheitert, sondern derjenige, der in der Lage ist, sich nach jedem Sturz wieder zu erheben und seinen Weg weiterzuverfolgen.


Patricia Waller zu einigen ihrer Arbeiten:

Hallo Kitty“ – Abgerutscht in die Merchandise-Maschinerie, wird sie wahllos und beliebig auf jeden nur erdenklichen Gegenstand gedruckt. Die Identitätsprobleme sind nicht mehr zu bewältigen, sie wählt den Ausweg der Selbsttötung, wohl wissend, dass das ihrer „Berühmtheit“ nicht schaden wird, sie aber keine „Verantwortung“ mehr dafür hat.

Bob Schwammkopf“ – Der Verlust des eigenen Lebens ist notwendige Bedingung zum Gelingen des Attentats, das Selbstmordattentat kann als Weg der „Unsterblichkeit“ durch Erlangung eines Märtyrerstatus gesehen werden. Dem Gegner wird seine Machtlosigkeit gegen derartige Attentate vor Augen geführt.

Spiderman“ – Verstrickt in das eigene Leben, gibt es kein Entrinnen. Je mehr er versucht sich von seinen Fesseln zu befreien, um so mehr verheddert er sich, ohne Aussicht auf „Erlösung“.

Sandmännchen“ – Die ständige Beanspruchung (Nachtschicht) und die Verantwortung für die Träume der Kinder führen durch tägliche Wiederholung zu einem Hinterfragen seiner Tätigkeit und schließlich in tiefe Depressionen, und er begeht – wie könnte es anders sein – mit Schlaftabletten Selbstmord.

Pu, der Bär“ – Das heutige weltweite Pu-Bild ist vom Disney-Merchandising geprägt, das mit seinen Comics, Stofftieren und anderen Artikeln nach dem Erwerb aller Rechte an Pu dem Bären im Jahr 1998 sofort dazu übergeht, die Charaktere nach Akzeptanzüberlegungen umzugestalten. Dies stürzt Pu in eine tiefe Existenzkrise und eines Tages wird er erhängt aufgefunden. Ob es Mord oder Selbstmord war, bleibt ungeklärt. 

Pinocchio“ – Auf Grund seines unentwirrbaren Netzes aus Lügen ist seine Nase so lang und verästelt geworden, dass sie einem Baum gleicht. Seine einzige Hoffnung auf Befreiung ist, den „Ast“ abzusägen, was aber kaum ohne Schmerzen vonstatten gehen kann.

Minni Mouse“ – Minni Mouse wird vergewaltigt und blutend in einer Ecke liegen gelassen. Der Akt ist schon fast ein symbolischer, da sie als der Inbegriff von Unschuld wahrgenommen wird.

Superman“ – Ein Superheld ist eine fiktive Figur, die mit übermenschliche Fähigkeiten oder High-Tech-Waffen ausgestattet ist, mit denen sie die Menschheit beschützt und das Böse bekämpft. Was aber, wenn diese Kräfte von einem auf den anderen Moment versagen und das Scheitern unumgänglich ist ...

Ernie“ – Was passiert mit den Stars, wenn sie keine mehr sind? Wie lebt man, wenn der schon mediale Starkult nicht mehr funktioniert? Im Fall von Ernie heißt das Alkoholismus, Obdachlosigkeit und Verwahrlosung. Bettelnd an der Straßenecke, wird er von allen gemieden. Diejenigen, die ihn erkennen, schrecken zurück vor der Person, die sie einst bewundert haben, und die jüngere Generation kennt den einstigen „Kinderstar“ nicht mehr, da er längst durch andere Kultfiguren abgelöst wurde.


Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Patricia Waller, Even Worse Luck, 2012.
_______________________________________________________________________________


Patricia Waller
BROKEN HEROES

20 April through 30 June, 2012

The figures populating Patricia Waller’s new series “Broken Heroes” are all well-known icons of pop culture, they are creatures of comics, cartoons, TV shows and similar products of our contemporary collective consciousness. And as is so often the case with Waller’s output, the works are funny and amusing at first glance, for they present these “heroes” in a manner not seen before: Ernie as a drunk bum with his yellow rubber ducky, Spiderman hopelessly entangled in his own net, and Sponge Bob as suicide bomber with enough explosives strapped around his body to lay a city block to waste. The comic effect is enhanced by the fact that these works are all crocheted. Our laughter, however, soon turns into discomfort on closer inspection—again a typical phenomenon in encountering Waller’s objects. Clumsy Spiderman might seem droll, but the sight of a raped and bleeding Minnie Mouse is no longer funny. The homeliness of the technique can disguise the underlying seriousness of the themes but for a brief moment. 

We originally know the broken heroes in Patricia Waller’s works as one-dimensional screens onto which we project certain positive character traits. The possibility of failure is simply not part of their make-up, which renders their depiction in this series all the more shocking. We have all experienced failure in our own lives, be it in the grand scheme of a life plan or a relationship, or just the small failures we encounter on a daily basis.

Waller personally views her works as a critical reflection on the cult of the star in our society, where the star, the celebrity or the idol serve as a contemporary substitute for the more traditional hero. “They are role models and bearers of hope, they reflect our longing for the special. Heroes don’t just appear, they are created,” she writes. On the other hand, inflated fame can easily lead to personality disorders. “The pressure to always look your best, the obligation to constantly be positive, and the knowledge of being observed all the time can result in identity  disorders, especially if fame sets in early on, before the person had time to establish a firm sense of his own identity.” And the higher up you are, the deeper the fall. Is Hello Kitty plunging the sword into her belly in classical Samurai manner because she can no longer deal with her merciless commercialization?

One might also be tempted to read Waller’s new series “Broken Heroes” as a reflection on the discrepancy between the rosy ideal world created by media and advertising and our own experience of real life. This discrepancy gives birth to an unhealthily distorted perception of reality. Clever marketing creates products with cult status that take on quasi-religious features, seduce us into an obsessive need-to-have, and are venerated without the slightest critical awareness of their thoroughly manipulative social effect. But Waller’s figures also point to a possible way to overcome this schism: the figure of the anti-hero. For this is a hero with serious flaws, whose character consequently not only exhibits greater depth and complexity, but who also appears more life-like and human. For a true hero is not the one who never fails, but the one who is able to get back up after each fall and continue on his way.


Patricia Waller’s notes on some of her works:

Hallo Kitty
Caught in the clutches of relentless commercialization, her image is printed without differentiation on any and all objects. No longer able to cope with the resulting identity problems, she opts for suicide, in the safe knowledge that it will not hurt her “fame,” but that she will no longer be responsible for it.

Bob Spongehead
Losing his own life is a necessary prerequisite for the success of the terrorist act, the suicide bombing can be regarded as a path to “immortality” through attainment of the martyr status. The enemy is faced with his own powerlessness with regard to these kinds of attacks.

Spiderman
Enmeshed in his own life, there is no way out. The more he tries to disentangle himself, the more he is caught up in it, without hope of redemption.

Sandman
The stressful workload (night shift) and the responsibility for the dreams of all children night in and night out prompt him to question the meaning of his activity, resulting in profound depression. He chooses an overdose of sleeping pills—what else?—to commit suicide.

Winnie-the-Pooh
The current world-wide image of Winnie-the-Pooh is disseminated by Disney in the shape of comics, stuffed animals and others merchandising. After acquiring all rights in 1998 Disney immediately set on transforming the character based on market research and approval ratings. This brings on a deep existential crisis in Winnie-the-Pooh, who is found hanged one day. Was it murder or suicide? The mystery remains unsolved …

Pinocchio
Due to his deeply entangled mesh of lies his nose has become so long and branchy that is resembles a tree. His only hope of liberation is to saw the “branch” off, something that will surely not be without pain.

Minnie Mouse
Minnie Mouse has been raped and left bleeding in a corner. This is almost a symbolic act, as she is perceived as the embodiment of innocence.

Superman
A super hero is a fictional character equipped with superhuman powers or high-tech weapons, allowing him to protect humanity and fight evil. But what if these powers disappear from one moment to the next and failure is inevitable …?

Ernie
What happens to stars whose fame has faded? How do you go on with your life when the media-driven star cult no longer works in your favor? In Ernie’s case the result is alcoholism, homelessness, and neglect. Begging on a street corner he is shunned by all. Those who recognize him recoil from the person they once admired, and the younger generation no longer knows the former “child star,” for he has long been replaced with new cult figures.


The exhibition is accompanied by a catalogue: Patricia Waller, Even Worse Luck, 2012.