Patricia Waller

nightmares


15. April – 28. Mai 2005    


Obwohl Patricia Wallers neue Ausstellung „nightmares“ (Albträume) betitelt ist, entlocken uns die Häkelobjekte zunächst einmal ein ungläubiges und vergnügtes Lachen. Makabre, skurrile oder beißend ironische Inhalte er­schei­nen in Wallers Werk allesamt im Gewande von Häkelarbeiten, eine tra­ditionell feminin besetzte Technik, die man eher mit Häuslichkeit und Hand­arbeit als mit Kunst assoziiert. Wallers Arbeiten sind witzig, aber nicht im Sinne von unschuldiger Heiterkeit, sondern eher in dem von Freuds Ana­lyse „Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewussten“. Denn man soll sich nicht täuschen: Nichts an Wallers Arbeiten ist unschuldig, auch wenn sie häufig be­wusst und durchtrieben mit Assoziationen von Unschuld spielen. Schließ­lich ist kein Spiel mit der Unschuld jemals unschuldig.

 

Für Freud fungieren Witze nämlich in vieler Hinsicht so wie Träume als Um­wandlungsprozesse psychischer Vorgänge. Indem sie be­kannte Wor­te, Zei­chen oder Bilder neu und unerwartet kombinieren, ar­bei­ten sie mit Ver­schie­bungen und Verdichtungen, Ersetzungen und Modi­fi­ka­tionen, Um­keh­rungen und Doppelsinn. Eine überraschende Wendung, ein ver­blüf­fen­des Aufeinandertreffen unvereinbarer Dinge erzeugen einen Bruch im nor­ma­len Verlauf der Dinge, durch den hemmende Energien frei­ge­setzt werden. Eine treffende Beschreibung von Wallers eigener Verfahrens­wei­se.

 

In Wallers Spiel mit Albträumen ist der Humor natürlich ein sehr schwarzer. Die Künstlerin selbst meint dazu: „Grundsätzlich interessiert es mich Bilder zu finden, die den Umgang mit unseren Ängsten und die Fähig­keit, diese zu verdrängen, zum Inhalt haben." In den Arbeiten in dieser Aus­stel­lung spielt sie mit verschiedenen Themen, die wir sonst lieber aus­blen­den: Äng­sten vor Alter, Krankheit und Gebrechen (Gehwägen), nur dürftig ver­hoh­le­ner Sen­sa­tionslust, irrationalen Phobien, gefährlichen Gelüsten (Rabbits). Niedliche Plüschtiere ent­­puppen sich  bei nä­herem Hinsehen als Missge­bur­ten (Siamesische Zwil­linge) oder Mu­tanten (Meerjungfrauen).

 

Es ist natürlich gerade die Harmlosigkeit der Form, die Waller erlaubt, Be­rei­che auszuloten, die sonst nur schwer zugänglich wären. Wallers Arbei­ten betreiben dabei bewusst ein Spiel mit verschiedenen Wahrnehmungs­ebenen. Die überaus taktile Form der kuscheligen Häkelobjekte nimmt zu­nächst einmal unmittelbar die Sinne für sich ein. Der makabre oder gro­tes­ke Inhalt des Dargestellten stößt dagegen ab, entsetzt oder beunruhigt. Gleichzeitig infizieren sich die beiden Ebenen gegenseitig. Das Sinnliche der Form überträgt sich auf den Inhalt und mildert nicht nur dessen Härte, sondern verweist gleichzeitig auf die heimliche Lust, die wir trotz al­lem auch am Dargestellten selbst empfinden. Der Inhalt hingegen wirft ein neues Licht auf die Heimeligkeit der Form, die so gefärbt ins Unheimliche um­schlägt: Das Kuschelige der Häkelarbeiten erscheint plötzlich pervers.

 

Zusammengenommen entsteht ein komplexer Effekt, der bewirkt, dass wir gleichzeitig angezogen und abgestoßen werden. Obwohl wir die Perfidität von Wallers witzigen Albträumen durchschauen, können wir uns ihrer Fas­zination nicht entziehen: die perfekte Verführung.    

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Patricia Waller

nightmares

           

15 April – 28 May, 2005 

Even though Patricia Waller’s new exhibition is entitled “nightmares”, her crochet objects make us laugh in disbelief, but also in pleasure. Macabre or bitingly ironic topics are all clothed in crochet work, a technique tradi­tion­ally associated with feminine homely craft, but not with high art. Waller’s works are witty, not in the in the sense of innocent merriment, but rather in the sense of Freud’s study “Jokes and their Relation to the Unconscious”. For we should not be deluded: there is nothing innocent about Waller’s work, even though it often consciously and cannily plays with notions of in­nocence. After all, no play with innocence is ever innocent.

Freud considered jokes, in many ways similar to dreams, as a transforma­tion process of psychic states. In combining known words, signs, or images into something new and unexpected, they frequently work with displace­ment and condensation, substitution and modification, reversal and ambi­guity. A surprising turn, a startling collision of irreconcilable elements affect a break in the normal flow of things, thereby releasing inhibiting energies. This reads like a fitting description of Waller’s own procedure.

 

The humour in Waller’s play with nightmares is, of course, a rather dark one. The artist herself notes: “I am fundamentally interested in finding ima­ges that involve the way we deal with our fears and our ability to repress them.” In the works in this exhibition she plays with various themes that we usually prefer to ignore: fears of aging, illness, and frailty (Walking Aids), barely concealed cravings for sensation, irrational phobias, dangerous de­sires (Rabbits). Cute stuffed animals are revealed, on closer look, as freaks (Siamese Twins) or mutants (Mermaids).

 

It is, of course, just the inoffensiveness of the form that allows Waller to ex­plore areas otherwise difficult to tackle. Waller’s works consciously play with different levels of perception. The very tactile form of her cuddly cro­chet objects accords them an immediate sensual allure, while on the men­tal level her macabre or grotesque contents shock, repulse, or perturb us. Yet both levels continuously infect each other. The sensuality of the form is transposed onto the content, softening its harshness and rendering it “so­cially acceptable”, but also pointing to a secret pleasure we experience even here. The content, on the other hand, throws a new light on the homeliness of the form, which thus colored becomes uncanny: the cuddli­ness of the crochet objects suddenly seems perverse.

 

Altogether this generates a complex effect of attraction and repulsion. While we see through the perfidy of Waller’s witty nightmares, we cannot resist their fascination: the perfect seduction.