KEHL

Erblich Vorbelastet –

It Runs in the Family

4. September bis 18. Oktober 2008


Hennen und andere anthropomorphe (Paradies-) Vögel bevölkern bereits in ver­schiedenartigsten Formen KEHLs bisheriges Werk. Die Entdeckung des Eies war nun für den Künstler, so er selbst, ein Aha-Erlebnis: In dieser archaischen Form fügte sich plötzlich vieles von dem zusammen, was schon lange in seiner Kunst angelegt war.

 

In Kehls Gemälden und Objekten erscheint das Ei in zwei verschiedenen Aus­prägungen: einmal geschlossen und von der Figur im Bild gehalten, zum anderen als offengelegter Behälter, der die abgebildete Figur oder die Figuren umfängt. In den Objekten ist eine hochglanzlackierte eiförmige Holzskulptur in eine längs auf­geschnittene Schale eines echten Straußen-, Nandu- oder Emu-Eies eingepasst. Verbunden sind die beiden Bestandteile durch eine Schicht aus Bienenwachs (die für das Eiweiß stehen mag), das Ganze steht auf einem Bronzefuß in der Form einer Vogelkralle. Stellen diese Werke das Innenleben des Eies dar, so thematisiert die erste Gruppe das Verhältnis einer außenstehenden Figur zum Ei, dessen Inneres unseren neugierigen Blicken entzogen bleibt.

 

Als in sich geschlossenes und selbstgenügsames System, aus dem neues Leben entsteht, spielt das Ei in vielen Schöpfungsmythologien eine wichtige Rolle. Die äußere Form des Eies, eine Variation der Kugel, gilt oft als eine perfekte Form. Mit seinen eigenen Variationen zum Thema führt Kehl konsequent die Fragestel­lung weiter, die ihn seit jeher in seinem künstlerischen Werk bewegt: die Frage nach der Rolle von Natur und Kultur in unserem Leben, die stets auch die nach unserer individuellen Freiheit einschließt. Wie frei sind wir in unseren Verhaltens­weisen und in welchem Maße sind uns diese von unserem biologischen Erbgut und gesellschaftlichen Rollenmustern vorgegeben? Die sich selbst genügende Welt des Eies als Bild für die eng gefasste Welt festgelegter Verhaltensweisen in Familie und Gesellschaft – „it runs in the family” – vermittelt auf der einen Seite ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. In der Fötusposition der blauen Figur im Ei kommt das visuell eindringlich zum Ausdruck. Andererseits ist diese Vorbestimmtheit auch immer eine Einengung, Klaustrophobie und Konflikte sind da vorprogrammiert: Die blonde Frau mit dem kurzen Rock und den hochhacki­gen Schuhen reißt den Mund in einem hysterischen Schrei auf oder ringt mit dem Vogel, mit dem sie den engen Innenraum des Eies teilen muss.

 

Die Gegensätze von Erstarrung und Flexibilität, Widerstand und Nachgeben kommen in den Arbeiten auch durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Materialien zum Ausdruck: Dem natürlich belassenen, durchlässigen Leinen stehen die knallig-künstlichen Farben entgegen, die wie eine kulturelle Lack­schicht das natürliche Material biologischer Anlagen und Triebe verdecken, die zerbrechliche Eierschale ist auf einen schweren Bronzefuß montiert. Das Bienenwachs schließlich, das Schale und Holzskulptur zusammenhält, ist zwar erstarrt, wird seiner Funktion aber nur deshalb gerecht, da es sich schmelzen und formen lässt. Dementsprechend entpuppen sich Natur und Kultur als nur schein­bar im Gegensatz befindlich, in Wirklichkeit aber als weit komplexer miteinander verzahnt als zunächst angenommen, logisch unauflösbar, ganz wie die alte Frage: Was war zuerst da, Henne oder Ei? 


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KEHL

It Runs in the Family

4 September – 18 Oktober, 2008



Chicken and manifold other (exotic) birds in various humanoid and anthropo­morphic shapes and forms have long populated KEHL’s work. Still, the artist admits that discovering the egg as a motive was like an epiphany: suddenly much of what had always been part of his art came together in this archaic form.

In KEHL’s paintings and objects, the egg appears in two distinct ways: either closed and held by the figure in the painting, or seen in cross-section as a re­ceptacle enclosing the depicted figure or figures. In the objects, an egg-shaped sculpture of lacquered wood is set into the cut open half of a real os­trich, rhea or emu eggshell. The parts are held together by a layer of beeswax (representative maybe of the egg white) and rest on bronze foot in the shape of a bird claw. If the latter group depicts the inner life of the egg, the former is more concerned with the relationship of an external figure to the egg, while its inner life is not revealed to our curious gaze.

 

As a closed and self-sufficient system from which new life is born, the egg has always played an important role in many myths of creation. Its outer shape, a variation of the sphere, is often regarded as a perfect form. In using it in his art KEHL continues to explore one of the central themes of his work as an artist: the question of the role of nature and culture in our lives, a question that also comprises that of our freedom as individuals. That is to say: to what ex­tent are we free in our actions and to what extent are we preconditioned both by our genetic make-up and by social structures. On the one hand, the self-sufficient world of the egg as an image of the tightly restricted world of condi­tioned behavioral patterns in family and society – “it runs in the family” – grants a sense of security and comfort. A visually compelling expression of this aspect can be seen in the fetus position assumed by the blue figure in the egg. On the other hand, this state of predetermination is always a constraint, inevitably resulting in claustrophobia and conflict: the blonde woman wearing a short skirt and high heels opens her mouth in a hysterical scream or fights with the bird with whom she has to share the narrow confines of the egg.

 

The opposition between rigidity and flexibility, resistance and compliance is also expressed through the interplay of various materials. The canvas, left in an unpainted, permeable state, contrasts with the gaudy colors that cover the natural material of biological dispositions and drives like a cultural coat of lac­quer, the fragile eggshell is set on a heavy bronze foot. The beeswax holding together eggshell and wooden sculpture is congealed, but can fulfill its function only because it can be molten and shaped. Nature and culture are likewise revealed to be opposites only in appearance, and in reality much more intricately intertwined than often assumed, logically inextricable, just like the old question: what came first, the hen or the egg?