ANIMAL MAGNETISM 2010

Elvira Bach                                                                                                                                                                                       
Rainer Fetting
Jörn Grothkopp
KEHL
Hans van Meeuwen
Deborah Sengl
Yukiko Terada
Patricia Waller

 

17. September bis 23. Oktober 2010


Das Animalische im Menschen meint dessen Triebnatur, all jene Regungen, die die vermeintliche Krone der Schöpfung mit den Angehörigen des Tierreichs gemeinsam hat: Essen, Schlafen, sich vermehren. Es meint das Körperliche im Gegensatz zum Geisti­gen, das Instinktive in Abgrenzung zum Rationalen. Kunst – das ist die Lehrmeinung der Anthropologie – gehört ganz zweifellos in den Bereich des Menschlichen. Unter allen Lebewesen auf unse­rem Planeten seien wir die einzig kulturfähige Spezies. Und trotz­dem gehören die Tierdarstellungen seit Anbeginn der bildneri­schen Tätigkeit zum Grundbestand aller Kunst.

Heute sind die alten Grenzziehungen fadenscheinig und undicht geworden. Die Verhaltensforschung attestiert vielen Tierarten vormals rein menschliche Fähigkeiten. Und im Licht der Neuro­biologie zeigt sich, dass wir Menschen nicht scharf von den tieri­schen Mitbewohnern trennbar sind. Das ist Grund genug, sich umzuschauen, wie zeitgenössische Künstler mit dem Sujet Tier und seinen Implikationen umgehen. Wie werden in den heutigen Umbruchszeiten die symbolischen Zuschreibungen eingesetzt? Gelten hergebrachte Kategorien, Zuordnungen und Gegensätze noch? Welche Gefühle assoziieren wir in der Betrachtung dieser Arbeiten mit dem Anblick von Tieren?

Die Ausstellung "Animal Magnetism" versammelt ganz unter­schiedliche künstlerische Standpunkte. Plastische Werke und Malerei, Zeichnungen auf Papier und textile Arbeiten ergänzen sich zu einem Kaleidoskop an Formen. Ebenso unterschiedlich sind die Tiergattungen, auf die Bezug genommen wird: Der Schmetterling kontrastiert mit dem Schwein, die Vögel von Fetting und Hans van Meeuwen stehen geschuppten Karpfen Grothkopps gegenüber. Und auch in der Haltung der Künstler lassen sich divergierende Ansätze ausmachen. Einige Arbeiten wirken iro­nisch bis subversiv, andere poetisch und meditativ. Rohe, ja bru­tale Statements stehen neben leisen und feingliedrigen Aussagen.

Deborah Sengls Hybridwesen, die sowohl Körperteile von Tier und Mensch collagieren, als auch natürliche und künstliche Werkstoffe, sind radikal, gravitätisch und provozierend. Yukiko Teradas Installationen hingegen, die aus der Wiederverwertung gefundener Kleidungsstücke entstanden sind, erscheinen so federleicht wie die Schmetterlinge, die die Künstlerin aus den Stoffen ausschnei­det. In der gezeigten Arbeit nähte sie einen Hasen aus der Kanin­chenfelljacke und präsentiert ihn in Beuysschem Gestus. Ist die Animalisierung im einen Fall ein Akt des Nachdrucks, ein unüber­hörbares Auftreten gleich den donnernden Hufen einer galoppie­renden Rinderherde, so ist sie im anderen Fall eher ein Flüstern, ein Hauch, auf den man achtsam horchen muss, ein Moment von reiner Materialpoesie.

Die glatten Lackoberflächen von KEHL, dessen Eierformen ein bis zur Perfektion getriebenes Kunsthandwerk der Fabergés ins postmoderne Unbehagen der Geschlechter übersetzen, nehmen Kontakt auf mit dem rauen Duktus bei Elvira Bach und Rainer Fetting, Politur gegen Geste, zickiger Perlglanz gegen katzenhafte Geschmeidigkeit. Van Meeuwen vergrößert einen Storch ins Un­geheure, so dass der Betrachter unvermeidlich die Froschper­spektive einnehmen muss. Die Kois von Grothkopp hingegen nehmen die Kontraste so stark zurück, dass sie erst im kontem­plativen Betrachten Tiefe und Kontur gewinnen – ein Zeitverlust, den der Frosch vor van Meeuwens Storch schon längst mit dem Leben bezahlt hätte. Das Leben lassen mussten auch schon einige der gehäkelten Kuscheltiere aus dem Laboratorium von Patricia Waller. Meisterhaft spielt diese Künstlerin mit den Gefüh­len gegenüber den Tieren. Die Bastarde aus Laborratte und Kuscheltier, Ungeheuer und Trostspender, Schädling und Partner erwecken gleichzeitig Angst und Zärtlichkeit, machen Spaß und entsetzen.

Magnetismus bezeichnet schon seit dem Altertum die Anziehung von Gegensätzen: zwischen positiv und negativ, männlich und weiblich, Geist und Materie. In dieser Ausstellung wird die Wahl­verwandtschaft ausgeweitet auf die menschlich-tierischen Paar­konstellationen Kunst und Natur, Raum und Fläche, Angst und Vertrauen, Beruhigung und Aufregung.

Kunstbetrachtung ist, das lässt sich hier erfahren, immer ein Ver­such, auf das Andere, auf das Gegenüber einzugehen. Wie bei der Tierbeobachtung fordern Kunstwerke von uns Erfahrung in der vielleicht ältesten aller kulturellen Leistungen: dem Spurenlesen. Die harten Gegensätze dürfen die feinen Nuancen nicht ver­schatten. Wie schon unsere höhlenbewohnenden Vorfahren, die vor 40.000 Jahren ihre Jagdbeute an die Wände pinselten, können wir das von den Tieren lernen: eine geschärfte Wahrnehmung.

Im 18. Jahrhundert hat der Arzt Anton Mesmer die rätselhafte Kraft des Magnetismus auf den Mensch und seine Regungen an­gewendet. Er entwickelte Heilmethoden, die auf der Basis des von ihm postulierten animalischen Magnetismus im Bestreichen des Patienten durch den Magnetiseur bestehen. Schon den Zeitge­nossen fiel die erotische Komponente auf, da der Heiler männlich, die Patienten zumeist weiblichen Geschlechts waren. Der Titel "Animal Magnetism" spielt auf diese Attraktionskraft zwischen den Lebewesen an.

Ob Mesmer sich wohl in der Galerie Deschler bestätigt gesehen haben würde, soll derweil dahingestellt bleiben. Seine Erkenntnis, dass Phänomene der Anziehung in unserer Welt existieren, von der sich die Schulweisheit keine Vorstellung macht, die hat in den letzten 200 Jahren gleichwohl kein bisschen an Aktualität verloren.

 

Friedrich Weltzien