Handmade by: Faig Ahmed, Margret Eicher, Seet van Hout, Victoria Martini, Yukiko Terada und Patricia Waller

Kuratiert von Patricia Waller.


Die Galerie Deschler zeigt eine Ausstellung im Rahmen der Fashion Week mit dem Fokus auf Textilkunst. Ziel ist es, internationale Positionen textiler Kunst zu vereinen sowie verschiedene, künstlerische Herangehensweisen, abhängig vom kulturellen und traditionellen Kontext, zu präsentieren.

Im Rahmen der Berlin Fashion Week im Januar 2017 zeigt die Galerie Deschler eine Ausstellung verschiedener Künstler, die mit Textilien arbeiten. Ziel ist es, in der Zusammenschau verschiedener Ansätze in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden ein neues Licht auf die individuellen Herangehensweisen dieser internationalen Positionen textiler Kunst zu werfen und ihre Strategien künstlerischer Sinnstiftung sowie ihren Umgang mit unterschiedlichen kulturellen und traditionellen Kontexten zu beleuchten.

Textilien haben fast immer einen direkten Bezug zum menschlichen Körper, der, von kurzen Ausnahmen abgesehen, Zeit seines Lebens in Stoffe gehüllt und dessen Haut fast immer in Kontakt mit Textilien ist. Als zweite Haut des Menschen haben Textilien immer eine große und sehr assoziationsgeladene kulturgeschichtliche Rolle gespielt, sowohl in tief traditionellem Brauchtum als auch in den wirklichkeitsfremdesten und abstraktesten Modekreationen. Diese innige Verbindung mit dem Körper bewirkt einen haptischen Bezug in der Erfahrung jedes Einzelnen, der Textilien stets der vollständigen Unterordnung unter konzeptuelle Abstraktionen entzogen hat.

Trotzdem haftet den verwendeten Techniken – Weberei, Stickerei, Näharbeit, Häkelarbeit etc. – bis heute die leicht abwertende Einordnung als "bloßer" Handarbeit an. Zum einen ist dies Ausdruck sozialer Strukturen und Machtgefälle zwischen verschiedenen Gesellschaftsklassen, aber auch zwischen den Geschlechtern. Andererseits ist es aber auch sicher dem Umstand geschuldet, dass der Entstehungsprozess zeit- und arbeitsaufwendig ist und oft auf monotoner Wiederholung beruht. Wenn die hier versammelten Künstler diese Techniken in "hoher" Kunst zum Einsatz bringen, spielen sie damit immer schon ein bewusstes Spiel im Spannungsfeld verschiedener Bedeutungsrichtungen. Auf der einen Seite widersprechen die Merkmale von Langsamkeit und Mühseligkeit im Entstehungsprozess den immer noch herrschenden Ansprüchen nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit. Andererseits hat aber das Handgefertigte, vor allem im Bereich des Kunsthandwerkes, heute (mit den immer lauter werden Rufen nach "Entschleunigung") oft einen exaltierten Status erreicht, den es vor der Industrialisierung und den damit einhergehenden Automatisierungsprozessen im Arbeitsablauf nicht hatte. Gerade im bewussten Gegensatz zur Massenproduktion wird es auf Grund dessen, dass es aufwendig von Hand gefertigt wurde und auch dadurch bedingte individuelle Abweichungen aufweist, dem dem Bereich des Luxuskonsums und Status zugeordnet: handgefertigte Teppiche kosten ein vielfaches von maschinengeknüpften. Das wiederum kann zum Problem werden, wenn es auf dem Gebiet der Kunst zum Einsatz kommt, denn dort hat seit der Moderne eine starke Abwertung des handwerklichen Könnens zugunsten des rein Konzeptuellen stattgefunden – bis hin zu dem Ausmaß, dass handwerkliches Können oft mit Misstrauen als eben "nur" handwerkliches Können beäugt und, als eine Art sinnlicher Verführung fast als Verunreinigung des rein Geistigen betrachtet wird. Diese Verwischung der Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk stellt aber nicht nur einen zentralen Anspruch zeitgenössischer Kunst in Frage, sondern wirft auch unangenehme Fragen zur tatsächlich gegebenen, ideologisch aber oft uneingestandenen Verflechtung von Kunst und Kommerz auf.

Alle hier gezeigten Künstler und Künstlerinnen nutzen das Medium textiler Handarbeit auf jeweils ihre ganz eigene Art in subversiver Absicht. Das traditionelle Medium erfährt in ihren Händen eine unerwartete Neuinterpretation, die wie mit einem trojanischen Pferd brisante Inhalte in scheinbare Harmlosigkeit "kleiden" und so einzuschmuggeln vermögen.

***

So experimentiert der aus Aserbaidschan stammende Faig Ahmed in seinen Arbeiten mit traditionellen Materialien und Farben der Teppichweberei seines Heimatlandes, sowie der indischen Stickerei. Die Verpflanzung der Teppichweberei in den Kunstkontext sowie sein Einbeziehen unerwarteter und inkongruenter visueller Elemente erzeugt jedoch einen klaren und oftmals verstörenden Bruch mit der Tradition, auf die er sich bezieht. Sinnbildlich können seine Arbeiten einerseits für die Widersprüche und Konflikte zwischen gewachsenen lokalen Traditionen und durch zunehmende Globalisierung darübergelegter westlicher Moderne stehen, die oft nur in ihrer oberflächlichsten und stereotypischsten Form erscheint. Andererseits zeigen sie auch umgekehrt auf, wie diese Traditionen im Westen in ebenso oberflächlicher Weise eklektisch und aus ihrem Sinnzusammenhang gerissen zu bloßen Lifestyle Accessoires werden.

Die deutsche Künstlerin Margret Eicher verbindet in ihren großformatigen Tapisserien die barocke Form der Bildteppiche mit bekannten Motiven aus aktuellen Medienbildern unserer Informationsgesellschaft. Die in dieser Ausstellung gezeigte Tapisserie „Die fünf Tugenden“ basiert auf einem in diversen Printmedien veröffentlichten Fotoposing von fünf Schauspielerinnen (Teri Hatcher, Felicity Huffman, Marcia Cross, Eva Longoria Parker, Dana Delany) in klischeehafter Inszenierung: Modisches, betont weibliches Outfit, gekontert durch die Werkzeuge der geschäftigen Hausfrau. Dabei erinnern hier Staubwedel, Staubsauger, Backblech und Gummihandschuhe tatsächlich an die festgeschriebenen Heiligenattribute in der Geschichte der Sakralkunst. In prachtvoll höfischen Ambiente werden sie von zwei männliche Figuren in barocker Edelmann-Pose flankiert. Diese entstammen dem ursprünglichen Tapisseriemotiv, tragen aber Köpfe zweier männlicher PinUps, die sich in Kartuschen der Bordüre als Boy-Toy-Fantasien der Housewifes rekeln. Gesellschaftliche Oberfläche und erotische Fantasie kommentieren sich gegenseitig. Der Titel “Die fünf Tugenden“ ist in Bezug auf Titel der klassischen Malerei gewählt, die sich als weltanschauliche Kommentare verstehen. Die Kürzung der ursprünglich sieben Tugenden auf fünf geschieht in Hinblick auf die fünf Persönlichkeitseigenschaften (Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, geringer Neurotizismus), die aktuellen verhaltenspsychologischen Erkenntnissen zufolge zu beruflichem und sozialen Erfolg verhelfen.

Die Arbeiten der holländischen Künstlerin Seet van Hout fallen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen und zeichnen sich durch ihre filigrane Ästhetik und offenen Formen aus. Van Hout installiert ihre Arbeiten häufig direkt im Raum, wo sie Fäden und Textilien an Wänden und Boden anbringt und so poetische und feine Installationen dreidimensional zeichnet. Ihre hier gezeigte Arbeit "Memory Lace" spricht schon im Titel die enorme assoziative Fähigkeit des menschlichen Vorstellungsvermögens an, das unentwegt die unterschiedlichsten Erinnerungsbilder in einem Netzwerk feiner Verbindungen zueinander in Bezug setzt und daraus komplexe Zusammenhänge webt.

Die in Brüssel geborene Künstlerin Victoria Martini nutzt in ihrer Serie "Vom Verblassen der Bilder" die Leinwand als Untergrund für subtilen Stickarbeiten, die sich in ihrer sehr reduzierten, "verblassten" Farbpalette klassischen Reliefs annähern. Das Medium der Stickerei erlaubt es ihr, fast unbemerkt Brüche darzustellen, denn das Medium gibt durch seine liebliche und handwerkliche Prägung erst später die Sicht auf den Inhalt frei, durch Naturkatastrophen verursachte Zerstörung menschlichen Lebensraums. Ob sie damit die Verdrängung und das Ignorieren menschlich verursachten Klimawandels und damit einhergehender Naturkatastrophen und Zerstörung kommentieren will, bleibt dem Betrachter überlassen.

Die japanische, in Berlin ansässige Künstlerin Yukiko Terada erforscht in ihrer Arbeit Metamorphosen, Transformationen und den Zyklus zwischen Wachstum und Zerstörung. Das Zusammenspiel von Kultur und Natur sowie die Handlungen der Bedeckung und Enthüllung ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Dabei steht sie klar in der Tradition ihrer japanischen Heimat, gibt diesen Themen jedoch ihre ganz eigene Handschrift. Speziell für diese Ausstellung schuf Terada einen Jahreszeitenzyklus, in dem auch hier wieder das Element der Wandlung aus einer Form in eine andere Im Vordergrund steht.

Im Gegensatz zu Teradas Werk stehen die gehäkelten Objekte, der in Santiago de Chile geborenen deutschen Künstlerin Patricia Waller. Hochbeladene Situationen werden in irreführender Harmlosigkeit gezeigt und überraschen traditionelle Sehgewohnheiten. Wallers Werke sind durch schiere Disproportion von Material und Objekt fesselnd, sie vermitteln Komponenten der Kunst und Realität, Vergangenheit und Gegenwart, Idylle und Wohlbefinden. Die Heimeligkeit der Technik täuscht nur kurz über die grundlegende Ernsthaftigkeit der Themen hinweg: der Spaß schlägt in Beklommenheit um und löst dadurch oft ungläubiges Lachen aus. Patricia Waller, die letzten Monat in Schanghai mit ihrer Kunst begeisterte, kuratiert diese Ausstellung.

_________________________________________________________________________________________

In the context of the Berlin Fashion Week 2017, the Galerie Deschler is presenting an exhibition of various artists whose work involves fabrics. In presenting various international positions of textile art side by side in their commonalities and differences, it is hoped that a new light can be shed on the individual approaches and their strategies of creating meaning through art, as well as the way they navigate the territory of differing cultural contexts and traditions.

Textiles almost always have a direct connection to the human body, who is clothed in fabrics for most of his life, with only brief exceptions, and whose skin is in constant contact with textiles. As a second skin to humans, fabrics have always played a large role in the history of culture and taken on a host of associations, whether in the most traditional customs or in the most abstract flights of fancy in in high fashion. Every one of us shares the haptic experience of this intimate connection of fabrics with the body, which in turn has always prevented textiles to be wholly subsumed under conceptual abstractions.

The techniques employed, however, whether weaving, embroidery, sewing or crochet work, still to this very day are tainted by the somewhat derogatory classification as "mere" handicraft. On the one hand this is an expression of existing social structures and hierarchies of power between different social classes, as well as between the genders. On the other hand it certainly is also owed to the fact that the production process is time-consuming and laborious, and often based on monotonous repetition.  In employing these techniques in the context of "high art", the artists in this exhibition always already and quite deliberately play with different levels of the construction of meaning. On the one hand the slow and laborious nature of theses of the production process stands in opposition to still dominant demands for efficiency and economy. On the other hand the handmade, particularly in the realm of the arts and crafts and in conjunction with a growing demand for "deceleration," has these days attained an exalted status that was quite unthinkable before the industrial revolution and its introduction of automatization in production. In consciously setting it apart from mass production by virtue of being handmade and exhibiting its characteristic small and individualizing deviations, it has entered the realm of luxury consumption and status: hand-woven carpets are far more expensive than those that are machine-woven. This, however, can in turn create a problem when transposed to the realm of art. For here the element of competence in the craft has experienced a strong devaluation in favor of the purely conceptual since the beginning of modernism, to the degree that competence in the craft is often frowned upon as competence in nothing but the craft, and suspected of tainting, in its seductive beauty, the pristine purity of the conceptual component of a work of art. This blurring of the line between art and the crafts thus not only questions one of the central tenets of contemporary art, but also raises uncomfortable questions concerning the real but ideologically oftentimes unacknowledged intertwining of art and commerce.
   
The artists shown in this exhibition all, in their very own respective ways, use the medium of textile handicraft in a subversive fashion. The traditional medium is reinterpreted in surprising ways. Thus managing to introduce, like with a Trojan horse, controversial topics in the deceptive guise of harmlessness.

***

Faig Ahmed, originally from Azerbaijan, experiments with the materials and colors of his native country's tradition of carpet weaving, as well as with Indian embroidery. In transplanting carpet weaving into the context of contemporary art, however, as well as in including unexpected and incongruent visual elements into his works, he effects a clear and oftentimes unsettling break with the tradition he is referencing. On some level his works could be read as symbols of the contradictions and conflicts between established local traditions and Western modernity superimposed onto it by globalization, where Western cultural elements are often reduced to their most superficial and stereotypical features. Conversely these works can also point to how these traditions are frequently appropriated by the West in just as much a superficial manner, when they are eclectically taken out of their original context and turned into mere lifestyle accessories.

In her large-format tapestries the German artist Margret Eicher combines the original baroque form with well-known images culled from the mass media of today's information society. The tapestry "The Five Virtues" shown in this exhibition is based on the photo shoot of five actresses (Teri Hatcher, Felicity Huffman, Marcia Cross, Eva Longoria Parker, Dana Delany) shown in clichéd postures and published in various print media: fashionable outfits emphasizing femininity, countered by the tools of the busy housewife. Feather duster, vacuum cleaner, baking plate and rubber gloves in fact recall the fixed attributes of saints in the history of Christian art. In a sumptuous courtly ambience they are flanked by two male figures in the poses of baroque noblemen. These are taken from the original tapestry image, but their heads have been replaced by those of two male pin-up models, also shown in the inserts of the bordure as housewife boy-toy fantasies. Societal façade and erotic fantasy function as mutual commentary. The title "The Five Virtues" was chosen in reference to titles of classical painting with their self-image as philosophical commentary. The reduction of originally seven virtues to five is owed to the "Big 5" personality traits (extraversion, openness to experience, agreeableness, conscientiousness, low neuroticism) that, according to current claims of behavioral psychology, are advantageous for success in society and career.

The works of Dutch artist Seet van Hout quite literally get out of line and are striking in their delicate aesthetics and their open forms. Van Hout often installs her works directly in the space by attaching threads and fabrics on walls and the floor and thus creating three-dimensional drawings in space as poetic and airy installations. The title of her work shown here, "Memory Lace," already points to the enormous associative capability of the human imagination, ceaselessly creating networks of subtle connections between the most varied memory images and weaving complex nexuses from these.

In her series "Of the Fading of Images" the artist Victoria Martini, born in Brussels, uses canvases as the ground for subtle embroidery, which in its very reduced, "faded" color scheme visually approaches classical reliefs. The medium of embroidery allows her to depict breaks in a way that goes almost unnoticed, for the lovely nature of the handicraft only belatedly reveals the fact that her subject matter is the destruction of human living spaces through natural catastrophes. Whether this can be read as a commentary on the fact that we so often chose to ignore or repress the effects of humanly cause climate change and ensuing natural catastrophes and destruction, remains up to the viewer.

The Berlin-based Japanese artist Yukiko Terada creates permeable and multilayered objects from textiles, exploring metamorphoses, transformations and the cycle between growth and destruction. She thus illustrates in a compelling fashion the manifold and fluid interactions taking place between man and his natural and cultural environment. In this she clearly positions herself in the cultural tradition of her native Japan, but gives these themes a very unique and personal spin. For this exhibition she has created a cycle of seasons, again foregrounding the element of change and transmutation from one form to another.

Santiago de Chile-born German artist Patricia Waller has been working with the medium of crochet work ever since art school. Highly charged situations are shown in deceptive harmlessness and succeed in surprising established habits of perception. The sheer disproportion between technique and subject matter in Waller's works is simply captivating, they convey elements of art and reality, past and present, idyll and comfort. The coziness of her technique can only briefly delude us with regard to the seriousness of the subject matter: the fun quickly turns to discomfort, and thereby often provokes incredulous bursts of laughter. Patricia Waller, whose work has last month received enthusiastic reception in Shanghai, curated this exhibition.